Heute vor 60 Jahren die Grosse Sturmflut

Es gab eine Sturmflutwarnung heute vor 60 Jahren, doch in Hamburg nahm sie kaum jemand ernst. In der Nacht brachen dann viele Deiche, 315 Menschen starben. Heute sind die Deiche höher – der Meeresspiegel aber auch.

Die Nacht, in der das Sturmtief „Vincette“ zum Orkan wurde und mit 130 Kilometern pro Stunde den Norden Deutschlands heimsuchte, ist 60 Jahre her. Doch kaum ein anderes Nachkriegsereignis hat die heute 80-Jährige und viele andere Norddeutsche so sehr geprägt wie die Flutkatastrophe in der Nacht auf den 17. Februar.

Sturmwarnungen nicht ernst genommen

Die Sturmwarnungen im Radio wurden im Laufe des Abends an die bedrohliche Lage angepasst – doch die Hamburger nahmen sie nicht ernst, weil von einer Sturmflut an der Nordseeküste die Rede war, ihre Stadt aber nicht explizit erwähnt wurde. Die Menschen fühlten sich sicher hinter ihren Deichen, die letzte schwere Sturmflut lag immerhin 107 Jahre zurück.

Auch Monika Genz wusste noch nicht, wie sehr die Lage eskalieren würde, als sie von einem Kino-Rendezvous mit ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann Heiner nach Hamburg-Neuenfelde zurückkehrte. Als sie in ihr Elternhaus wollte, stand das Wasser fast an der Deichkrone. Klitschnass rettete sie sich mit einigen Nachbarn auf allen Vieren in die höhergelegene alte Mühle.

„Dann wurde es immer ruhiger und ruhiger“

„Erst hat noch alles durcheinandergeschrien und geweint, und dann wurde es immer ruhiger und ruhiger“, berichtet sie. „Einige ältere Leute haben sich in diese Getreidesäcke reingewühlt, dadurch konnten sie sich wieder erwärmen, und wurden trocken.“ Etwa 25 Menschen verbrachten die Nacht in dem Gebäude, mit der Angst, die Fenster könnten unter dem Druck des Wellenschlags zerbersten.

Erst bei Tagesanbruch trauten sich die Gestrandeten nach draußen – und sahen das volle Ausmaß der Katastrophe. Das Wasser hatte fast alle Deiche und Dämme der Hansestadt überflutet, bis zum frühen Morgen waren sie an 60 Stellen gebrochen. Das Wasser riss Häuser mit, entwurzelte Bäume, zerstörte Straßen und Gleise.

Viele konnten nie wieder in ihre Häuser zurück

Viele Gebiete waren von der Außenwelt abgeschnitten, Strom und Telefon fielen aus, etwa 100.000 Hamburger waren von den Wassermassen eingeschlossen und mussten zum Teil per Hubschrauber evakuiert werden. Viele konnten nie wieder in ihre Häuser zurückkehren.

Tagelang hatte Monika Genz keinen Kontakt zu ihrem Freund, glaubte nicht daran, dass er die Katastrophe überlebt hatte. Erst fünf Tage später kam er ihr auf dem Deich in Neuenfelde entgegen: „Ich sah ihn schon von weitem, erkannte ihn an seinem Schlendergang. Und konnte es doch nicht glauben.“