Warum immer wieder Taucher im berühmten Kreidesee bei Cuxhaven sterben

Der Kreidesee, aufgenommen mit einer Drohne. Der See im Landkreis Cuxhaven ist auch überregional bei Tauchern beliebt. Foto: Sina Schuldt/dpa

Der Kreidesee von Hemmoor nahe Cuxhaven gilt unter Tauchern als legendär: Die Sicht liegt bei bis zu 40 Metern. Zu entdecken gibt es ein versenktes Flugzeug, einen Plastikhai und einen Lkw. Zwar kommen Taucher aus aller Welt, doch immer wieder kommt es auch zu tragischen Unglücken. Erst kürzlich ist eine 30-Jährige ertrunken – den Ermittlungen zufolge steht ihr Tod in direkter Verbindung mit einem Tauchlehrgang im Kreidesee.

Er ist einer der beliebtesten Tauchspots in Deutschland – der Kreidesee von Hemmoor bei Cuxhaven. Jährlich kommen mehr als 30.000 Menschen aus der ganzen Welt an den türkis schimmernden, 33 Hektar großen und bis zu 60 Meter tiefen See. Jedoch ereignen sich auch immer wieder tragische Unfälle. Der jüngste Todesfall ist noch nicht einmal zwei Wochen her: Am Samstag, dem 5. August, starb eine 30-jährige Frau bei einem Tauchgang im Hemmoor, wie unter anderem der „NDR“ berichtete. Seit Anfang der Woche steht die Todesursache fest. Die junge Frau aus Hessen sei zu schnell aufgetaucht, weshalb die Lunge kollabierte.

Der Notaufstieg scheiterte

Unter Anleitung eines Tauchlehrers, der zugleich ihr Lebensgefährte war, hatte die Frau in einer fünfköpfigen Gruppe im Kreidesee das Tieftauchen geübt. In etwa 35 Metern Tiefe sei es dann zu Komplikationen gekommen und die Frau habe plötzlich über Atemnot geklagt. Als sich die Probleme beim Auftauchen auf zehn Meter nicht besserten, seien die 30-Jährige und der Tauchlehrer daher schnell aufgetaucht: ein sogenannter Notaufstieg. Dabei habe die 30-Jährige das Bewusstsein verloren – die daraufhin eingeleiteten Reanimationsversuche blieben erfolglos.

Gegen den Tauchlehrer und Lebensgefährten werde nun wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung ermittelt, teilte ein Polizei-Sprecher dem NDR mit. Die Ermittlungen würden jedoch ergebnisoffen geführt – es könne sich also auch um einen tragischen Unfall gehandelt haben.

Der Kreidesee ist ein beliebtes Tauchrevier

Fest steht: „Der See ist legendär“, erklärt Barbara Brost, die die Schule Tauchteam Wasserfest Hannover leitet, und regelmäßig nach Hemmoor fährt, bereits in der Vergangenheit gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. „Die Sichtweite ist super, das sind schon fast tropische Verhältnisse.“ Außerdem werde viel Unterhaltung unter Wasser geboten, darunter ein sieben Meter langer Plastikhai und ein freischwebendes Flugzeug der Reihe Piper PA-28. „Wenn die Sonne durch das Wasser auf den Flieger fällt, ist das ein spektakuläres Fotomotiv“, schwärmt Brost.

Im Kreidesee ist zudem eine weitere Attraktion zu finden: der wohl tiefste Briefkasten Deutschlands. Laut einem Bericht des „NDR“ gehört dieser zwar nicht der Deutschen Post, aber Taucher können dort dennoch wasserfeste Postkarten einwerfen. Einmal pro Woche wird der Briefkasten geleert und die Postkarten zur Post gebracht.

Ein gelber Briefkasten ist im Kreidesee im Hemmoor (Landkreis Cuxhaven) in einer Tiefe von 19 Metern unter Normalnull angebracht. Daneben steht ein Fahrrad, im Hintergrund ist ein Lkw zu sehen.Foto: picture alliance/dpa/Tauchbasis Kreidesee | Jens-Uwe Lamm

Mehrfach wurde der Kreidesee schon als beste „Tauchbasis Deutschland, Österreich und der Schweiz“ mit dem „Tauchen Award“ ausgezeichnet. Zudem wurde der See zu einem der sechs spektakulärsten Tauchspots in Deutschland gekürt. Das Gewässer ist deshalb so klar, weil dort bis 1976 Kreide für die Zementproduktion abgebaut wurde. Nach der Stilllegung füllte sich die Grube mit Wasser. Weil dieses leicht basisch ist und wenig Plankton hat, schimmert es türkis. Industrierelikte unter Wasser wie Lkw-Rampen, Förderbänder sowie ein „Rüttler“ – ein Betongebäude mit Brücke und unterirdischen Gängen – zeugen von der Tagebau-Vergangenheit.

Der Betreiber, der ehemalige Berufstaucher Holger Schmoldt, entdeckte den See Ende der 1980er-Jahre. Er verliebte sich in das Gewässer und baute es zum Tauchspot aus. Im Laufe der Zeit versenkte er immer mehr Attraktionen: Autos, Wohnwagen, Lkw, ein Segelboot – und den Flieger. „Ein freischwebendes Flugzeug unter Wasser, das ist weltweit einmalig“, sagt Schmoldt. Selbst aus Brasilien seien schon Taucher in Hemmoor gewesen.

Ein Taucher nähert sich im Kreidesee einem zu Tauchzwecken versenkten SegelbootFoto: picture alliance/dpa | Julian Mühlenhaus

Immer wieder Todesfälle im Kreidesee von Hemmoor – „die Leute trauen sich zu viel zu“

Wer nicht taucht, kennt den See meist aus den Nachrichten. Medien bezeichnen das Gewässer bereits als „Todessee“. Einem Bericht des „NDR“ zufolge, starben – den aktuellen Fall inbegriffen – in den vergangenen sechs Jahren bei Unfällen fünf Taucher, mehrere weitere wurden schwer oder sogar lebensgefährlich verletzt.

„In den meisten Fällen handelte es sich um personenbezogene Ursachen, sprich eventuelle Vorerkrankungen, Selbstüberschätzung oder individuelle Tauchfehler“, betonte ein Polizeisprecher bereits in 2020. „Die Leute trauen sich zu viel zu“, sagte damals auch Betreiber Schmoldt. Trotz Vorerkrankungen würden manche von Arzt zu Arzt laufen, bis sie endlich ein Attest über ihre Tauglichkeit bekämen.

Ausgehend von mehr als 30.000 Kreidesee-Tauchern pro Jahr gibt es sogar verhältnismäßig wenig Unglücksfälle – laut einer früheren Aussage von Schmoldt gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ verlaufe etwa jeder 6.000 Tauchgang tödlich. Die Gefahr von Tauchgängen in einer solch ungewöhnlichen Tiefe von bis zu 60 Metern ist keineswegs zu unterschätzen – daher sollte man auch keinesfalls allein im Kreidesee tauchen.